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Ursachen für Existenzängste

 

Insgesamt wurden im September 2003 diesen Jahres 4,2 Mio. Arbeitssuchende registriert. In Zeiten in denen es wie heute so viele arbeitslose Menschen gibt, sind häufiger auftretende Existenzängste anzunehmen.

Zu den Ursachen für Existenzängste gehören:

Angst vor Arbeitsplatzverlust
Angst vor Verlust von Status/Ansehen
Angst vor Alter
Angst vor Krankheit

 

Angst vor Arbeitsplatzverlust

Arbeit ist zu einer modernen Religion geworden, sie schafft uns eine Identität und sichert unseren Lebensunterhalt. Durch sie erlangt der Mensch Anerkennung in der Gesellschaft, denn mit Arbeit werden Begriffe wie Tüchtigkeit, Kompetenz und Fleiß verbunden.

Im Gegensatz dazu ist Arbeitslosigkeit, insbesondere Langzeitarbeitslosigkeit, immer noch ein Tabuthema, denn mit ihr wird meist ein Gefühl des Versagens verbunden. Es ist zwar heutzutage keine Seltenheit mehr, seine Arbeitsstelle zu verlieren, jedoch ist Langzeitarbeitslosigkeit vom Individuum selbst und vom sozialen Umfeld besonders schwer zu bewältigen. Von Langzeitarbeitslosen wird oft behauptet sie seien nur zu bequem einen anderen Job anzunehmen. Die Konsequenzen von langer Arbeitslosigkeit können sehr weitreichend sein.

Zu allererst stellt sich dem Entlassenen deswegen die Frage, ob es ihm überhaupt möglich sein wird, bald eine neue adäquate Stelle zu finden. In vielen Fällen veranlassen Zweifel dieser Art Arbeitnehmer dazu, an einer Stelle weiter tätig zu bleiben, die sie lieber kündigen würden. Das hat natürlich negative Folgen, sowohl für den Arbeitnehmer als auch für das Unternehmen.

Massenarbeitslosigkeit, wie sie nun schon seit langer Zeit in Deutschland besteht, lässt den hohen Stellenwert menschlicher Arbeitskraft fraglich erscheinen. Durch Maschinen und Technologien werden heute ganze Branchen ersetzt. So wurden z.B. durch Einsatz von Geldautomaten viele Stellen in Banken abgebaut. Computer, Roboter und andere Technologien werden bevorzugt eingesetzt, da sie wesentlich preiswerter als Arbeitskräfte sind. Massenentlassungen, aus Gründen der Unternehmenssicherung und Kostenreduzierung führen zu wachsender Unsicherheit. Der Arbeitnehmer kann sich selbst bei guter Leistung seines Arbeitsplatzes nicht mehr sicher sein.

Was soll nun aber aus einer Gesellschaft werden, deren Bürger ihren Lebenssinn der Arbeit gewidmet haben und die dann ihren Job verlieren? Bereits die Philosophin Hannah Arendt warnte vor dem abhanden kommen der Muße, indem sie sagte: "Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?" Damit wollte sie vermutlich zum Ausdruck bringen, dass die Bevölkerung umdenken muss, wenn sie nicht in naher Zukunft identitätslos - weil arbeitslos - sein möchte.

Der Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet nicht nur einen möglichen Identitätsverlust der betroffenen Person, sondern er kann auch ganz praktische Konsequenzen nach sich ziehen. Gleich ob Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe oder Sozialhilfe - finanziell wird es niemals so gut stehen wie mit einem tatsächlichen Verdienst. Diese materiellen Folgen müssen nicht nur von den ehemaligen Arbeitnehmern getragen werden, sondern auch von deren Familien, welche von einem regelmäßigen Einkommen abhängig sind. Besonders gut vorstellbar ist, dass besser verdienende Personen stärker unter der Angst durch Arbeitslosigkeit zu verarmen, leiden. Einmal liegt dies daran, dass sie es nicht gewöhnt sind, mit wenig Geld auszukommen und zum anderen, weil sie bereits Wohlstand erfahren haben. Möglicherweise besitzen sie ein großes Haus und verfügen über mehrere Autos. Dieser Luxus wird wahrscheinlich nur schwer zu erhalten sein und so fürchten sich gerade diese Menschen davor, ihren erarbeiteten Besitz wieder zu verlieren. Hier wird oft auch von Wohlstandsangst gesprochen.

Letztendlich macht die Angst vor dem möglichen Verlust der Arbeitsstelle vor keinem Berufszweig Halt. Eine hohe Bildung und Qualifikation ist kein Garant mehr für einen sicheren Arbeitsplatz. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat im Auftrag der DAK 1006 Personen befragt. Der Erhebungszeitraum war der 10. und 11. März 2003 und die statistische Fehlertoleranz liegt bei +/- 3 Prozentpunkten. Dabei sind sie zu dem Ergebnis gelangt, dass bereits 29% der Befragten Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes haben.

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Angst vor Verlust von Status/Ansehen

Um zu erkennen warum ein Verlust von Status und Ansehen Ängste auslöst, ist es wichtig, zu verdeutlichen welchen Wert sie in unserer Gesellschaft einnehmen.

Hierfür ist es nützlich, einen genaueren Blick auf die Frage zu werfen, weshalb Menschen überhaupt arbeiten. Abraham Maslow, ein Vertreter der Humanistischen Psychologie nahm an, dass sich die grundlegenden Motive menschlichen Handelns in einer Bedürfnishierarchie anordnen lassen. Dabei ging er davon aus, dass immer erst die Bedürfnisse einer Stufe befriedigt sein müssen, ehe sich das Individuum der nächsten zuwenden kann. Maslows Theorie unterliegt der optimistischen Annahme, dass jeder Mensch das Bedürfnis nach Wachstum und voller Entfaltung seines Potentials hat. Negative Motive, wie der Wunsch nach Macht, Dominanz oder Aggression werden nicht weiter berücksichtigt. Bei der Bedürfnishierarchie handelt es sich um eine allgemeine Theorie zur menschlichen Motivation. Sie lässt sich jedoch auch auf die Arbeitswelt anwenden.

Maslow unterteilt die Bedürfnisstufen in Defizit- und Wachstumsbedürfnisse unterteilt. Defizitbedürfnisse könnten auch als Basis- oder Grundbedürfnisse bezeichnet werden, denn ihre Erfüllung hat höhere Priorität als die Befriedigung der Wachstumsbedürfnisse. Grundsätzlich gilt in der Pyramide, dass zunächst die unteren, primitiveren Stufen "erklommen" werden müssen, ehe sich eine Person den höheren, anspruchsvolleren zuwenden kann.

Die Menschen arbeiten also zunächst, um grundlegende biologische und sicherheitsbezogene Bedürfnisse zu stillen, diese stellen die erste und die zweite Stufe der Pyramide dar. Anschließend werden als dritte Stufe die sozialen Bedürfnisse wirksam, welche den Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit beinhalten. Stufe vier beinhaltet die Wertschätzungsbedürfnisse und gehört als letzte zu den Defizitbedürfnissen. Hier geht es um den Erwerb von Achtung, Anerkennung und Status.

Sind nun alle Defizitbedürfnisse ausreichend befriedigt, entfalten sich Wachstumsbedürfnisse in einem Individuum. Ab diesem Zeitpunkt treibt den Arbeitnehmer der Wunsch nach Selbstverwirklichung an. Er möchte nun sein volles Potential ausschöpfen.

Anerkennung und ein gewisser Status, den der Arbeitnehmer entweder schon erreicht hat oder noch erreichen möchte, sind also sehr weit oben in der Pyramide zu finden. Hat die Person dies erreicht, steht sie an der Grenze zu den latenten Wachstumsbedürfnissen. Es hat also viel Zeit und Energie gekostet um so weit zu kommen. Das erhöht unter Umständen die Sorge, dass diese Dinge wieder genommen werden könnten. Der Verlust von Ansehen hätte vermutlich auch negative Auswirkungen auf die unteren Stufen, denn er beinhaltet möglicherweise auch einen Vertrauensverlust in der Außenwirkung. Ein solcher wirkt sich besonders in der Geschäftswelt aus. So könnte er beispielsweise dazu führen, dass einem Geschäftsmann keine Aufträge mehr zugeführt werden, aus Angst er könnte wieder versagen.

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Angst vor Alter

Die Analyse von Stellenanzeigen legt manchmal nahe, dass das Bild eines perfekten Arbeitnehmers heute häufig wie folgt entworfen wird: Jung, dynamisch, flexibel, selbstbewusst. Da drängt sich zwangsläufig die Frage auf, wie ältere Mitarbeiter in dieses Muster passen. In unserer extrem dynamischen Wirtschaft sinkt das Leistungsalter immer weiter. Früher begann die Altersangst im Alter von ca. 50 Jahren, dagegen ist sie heute bereits bei den Vierzigjährigen festzustellen.

Durch den Vergleich mit jüngeren Kollegen fühlen sich ältere Berufstätige häufig verunsichert, wodurch sich möglicherweise eine Verschlechterung der Selbsteinschätzung entwickelt. Dies hat unter Umständen zur Folge, dass sich die Neigung zum Zögern und zur Unschlüssigkeit verstärkt. Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit entstehen, da es mit voranschreitendem Alter immer schwieriger wird, sich flexibel auf neue Situationen einzustellen, von denen es im Unternehmen jedoch eine Vielzahl gibt. Besonders der rasche technische Wandel und die Tatsache, dass heute immer mehr Fremdsprachen verlangt werden, sorgen bei vielen Arbeitnehmern für Kopfzerbrechen.

Ist es dem Arbeitnehmer nicht möglich sich schnell anzupassen, treten meist Fehler auf. Dies verstärkt dann weiter die Befürchtung nicht mehr ausreichend kompetent zu sein. Ob noch die Angst bei der betroffenen Person dazukommt von den Kollegen und Vorgesetzten möglicherweise deswegen schon belächelt zu werden, hängt davon ab, inwieweit der ältere Mitarbeiter Halt und Unterstützung in seinem Arbeitsumfeld findet.

Aus betrieblicher Sicht ist es attraktiv, ältere Mitarbeiter in die Frührente zu entlassen, denn so ist es ihnen möglich, konjunkturelle Schieflagen ohne innerbetriebliche Konflikte zu lösen.

Einige Unternehmen erkennen auch nicht die Vorteile von älteren Arbeitnehmern gegenüber den jüngeren. Ein Argument für Ältere ist die meist beträchtliche Kompetenz. Sie beruht auf Erfahrungswissen und sichert die Handlungsfähigkeit in Situationen, die nicht vollständig durchschaubar sind. Dies gilt bei Störungen im Prozessablauf, die eine Früherkennung von Problemen notwendig machen und ein unmittelbares Eingreifen verlangen. Auch ist das forsche Temperament, welches so oft gefordert wird, nicht immer angebracht. Hier glänzen langjährige Mitarbeiter, die einer Situation ruhig und gelassen gegenüberstehen, einfach weil sie wissen wie sie die Lage einschätzen müssen. Dazu kommt, dass bei älteren Mitarbeitern die sehr wichtigen sozialen Kompetenzen oft weiter entwickelt sind. Sie haben meist durch Lebenserfahrung gelernt, wie sie mit ihren Mitmenschen in den unterschiedlichsten Situationen zurechtkommen.

Eine andere Furcht von älteren Arbeitnehmern ist das Wissen, dass es im Falle eines Jobverlusts schwierig sein wird eine neue Stelle zu bekommen. Es gibt wenige Firmen, die Personen um oder über 50 Jahre einstellen.

Eine Sache, worüber sich ältere Mitarbeiter ebenfalls häufig Sorgen machen, ist der anstehende Eintritt in die Rente. Nicht jeder Mensch freut sich auf einen entspannenden Lebensabend. Insbesondere so genannte "Workoholiks" haben Angst davor wie ihr Leben verlaufen wird, wenn ihnen das wichtigste, nämlich die Arbeit genommen wird. Von einem Tag auf den anderen haben sie keine Untergebenen mehr und keine Verantwortung. Damit verbunden ist auch der Verlust von Anerkennung und Wertschätzung, denn selbst eine noch so rühmliche Vergangenheit stillt nicht das Verlangen, sich in der Gegenwart nützlich fühlen zu wollen. Die Klarheit darüber, dass es nicht allen ehemaligen Arbeitnehmern gelingt, Anerkennung im privaten Bereich zu finden, schafft zusätzlich Unsicherheit.

Wie enorm wichtig aber Anerkennung für Menschen tatsächlich ist, wird durch Ärzte immer wieder deutlich. Diese bestätigen, dass Rentner, denen die Umstellung nicht gelingt, häufig schon bald nach der Pensionierung sterben.

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Angst vor Krankheit

Krankheiten führen zu der Befürchtung, den betrieblichen Anforderungen nicht zu genügen. Ebenso in Gefahr sind das soziale Ansehen und die Stellung des häufig Kranken. Hier ist eine Parallele zu den Altersängsten zu erkennen. Die Angst vor dem Alter ist nicht selten verbunden mit der Angst vor Krankheit.

Das Bundesministerium für Gesundheit und Soziales stellte nach einer Untersuchung fest, dass Arbeitnehmer im Jahr 2002 aus Krankheitsgründen 4,0 Prozent der Sollarbeitszeit fehlten. Damit fiel der Krankenstand auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung.

Wie kommt aber diese niedrige Quote zustande? Ist der Arbeits- und Gesundheitsschutz in den Betrieben entscheidend verbessert worden oder liegt es womöglich daran, dass aus Furcht gekündigt zu werden, nicht mehr soviel "krankgefeiert" wird? Beide Möglichkeiten kommen in Frage. Arbeitsmarktexperten nehmen jedoch an, dass auch kränkelnde Arbeitnehmer, ganz nach dem Motto "Ein Indianer kennt keinen Schmerz", weiter zur Arbeit gehen.

Die Angst wegen Krankheit den Job zu verlieren, ist nicht unbegründet. Unter den Bedingungen einer freien Marktwirtschaft liegt bei einem gleichzeitig bestehenden Überangebot von Arbeitskräften die Annahme von Selektionseffekten nahe: Kränkere Arbeitnehmer sind häufiger weniger wettbewerbsfähig, werden demnach eher entlassen und seltener wieder eingestellt.

Anders als einige Leute denken gibt es auch kein grundsätzliches Kündigungsverbot bei Krankheit. Prinzipiell ist nach dem Kündigungsschutzgesetz (für Betriebe mit mehr als fünf Arbeitnehmern) eine Kündigung nur aus personen-, verhaltens- oder betriebsbedingten Gründen möglich. Eine krankheitsbedingte Kündigung fällt unter die personenbedingte Kündigung. Sie muss wie jede Kündigung nach § 623 BGB schriftlich erfolgen. Ob eine krankheitsbedingte Kündigung zulässig ist, hängt vom Einzelfall ab. Die einfache Regel lautet, hat jemand in den drei Jahren vor der Kündigung deutlich mehr als sechs Wochen pro Jahr gefehlt hat und sind weitere Ausfälle bei der Person zu erwarten, wird die Kündigung vermutlich rechtskräftig. Ist die Krankheit jedoch überstanden oder eine Besserung in Sicht, darf nicht gekündigt werden.

Häufige Ausfallzeiten durch Krankheit können also zur Kündigung führen, insofern ist die Angst davor eine realistische Existenzangst.

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